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Silberer, Günter ;
(Georg-August-Universität Göttingen)

Forschungsthema eCommerce.

preliminary article (version: 25/06/2002 - 07:47, size: 20248)


Forschungsthema eCommerce

Prof. Dr. Günter Silberer

Institut für Marketing und Handel

Georg-August-Universität Göttingen

  1. Stufen des electronic Commerce

 

Unter eCommerce wird heute ganz Unterschiedliches verstanden:

(1) das Anbahnen von Geschäften im Web; dazu zählen das Darstellen und Umwerben von Leistungen, die auf anderem Wege zu bestellen bzw. zu kaufen sind (z.B. auf dem klassischen Postweg),

(2) das Anbahnen und Abschließen von Geschäften im Web, also Angebote, bei denen der Webuser bestellen bzw. unterschreiben kann, das Abwickeln der Geschäfte aber auf anderem Wege erfolgt (z.B. die Bezahlung per Banküberweisung und das Ausliefern per Spedition),

(3) das Anbahnen, Abschließen und Abwickeln von Geschäften im Web, also auch das Bezahlen und Ausliefern der gekauften Leistungen; dabei handelt es sich um digitale Produkte wie Zahlen, Texte, Bilder, Videosequenzen, Musik, Software u.dgl.

Zu denken ist hier auch an Ferndienste, welche z.B. die Überwachung von Gebäuden und das Ablesen des Energieverbrauches betreffen.

Ein Sprachgebrauch, der diese Stufen unterscheidet, wäre ebenso hilfreich wie eine eCommerce-Statistik, die diese Intensitätsstufen expliziert.

  1. eCommerce: elektronischer Vertrieb und elektronischer Handel
  2. eCommerce steht sowohl für den Direktvertrieb von Gütern seitens der Hersteller bzw. der Dienstleister als auch für den elektronischen Handel, den Ankauf von Gütern zu Zwecken des Wiederverkaufs. Neben dem Handel sind noch andere Vermittler im Web aktiv – Kommissionäre, Makler, Auktionäre. Alle Vermittler können im Web nicht nur anbieten, sondern ggf. auch nachfragen. Wer im eCommerce als Direktanbieter, Händler oder Kommissionär agiert, ist für den User bzw. für den Käufer nicht immer leicht zu erkennen.

  3. Die "Betriebsformen" im eCommerce
  4. "Betriebsformen" als Kaufgelegenheiten und Kaufumwelten sind auch im Web vielgestaltig. Wichtige Formen sind:

    (1) die "Website" als General Interest Site oder Home Page, auf der das eine oder andere bestellt werden kann; eCommerce findet nur am Rande statt;

    (2) der "elektronische Laden" als Website mit der Hauptfunktion, Geschäfte anzubahnen, abzuschließen und/oder abzuwickeln; geschlossene Portale, die der Promotion und dem Verkauf eines Leistungsprogramms dienen, das nur von einem Anbieter kommt, sind hier ebenfalls einzuordnen.

    (3) die elektronische Markthalle (eMall), das elektronische Einkaufszentrum, der elektronische Marktplatz oder das offene Portal mit Verkaufsfunktion betreffen sog. Agglomerationsformen des eCommerce, weil dort mehrere Anbieter ihr Sortiment vorstellen und anbieten.

    Agglomerationstendenzen in der Nachfrage sind ebenso denkbar, vor allem als Bündelung der Nachfrage zwecks Erlangung günstiger Zahlungskonditionen (Power Buying). Solche Bündelungsprozesse können aus virtuellen Communities (VC) resultieren oder zu diesen führen.

  5. Plattformen oder die Schnittstelle zum Kunden
  6. Der Zugang zum Web, sei es für Anbieter, sei es für Nachfrager, kennt inzwischen ebenfalls mehrere Möglichkeiten. Dabei lassen sich im wesentlichen folgende Plattformen unterscheiden:

    (1) der Webzugang über Desk-top-PC’s, die mehr oder weniger breitbandig vernetzt und inzwischen recht häufig multimedial ausgelegt sind, so daß auch Sound (Geräusche, Sprache, Musik usw.) übermittelt werden kann;

    (2) der Webzugang über Kioskterminals, stationäre POI- und POS-Terminals für die Ansprache und Versorgung von Kunden und Passanten; "private" Systeme sind z.B. in Banken, Ladengeschäften oder Empfangshallen und auf Messeständen installiert, "öffentliche" Systeme gelegentlich als Stadtinformationssysteme oder als Museumsterminals;

    (3) derzeit in aller Munde: der mobile Webzugang, die per Mobilfunk vernetzten Handies und portablen Rechner, deren Rechen- und Darstellungskapazitäten ganz unterschiedlich ausfallen; WAP-basierte Dienste müssen sich derzeit mit komprimierten Text-, Zahl- oder Symboldarstellungen sowie –eingaben begnügen;

    (4) ein Massenmedium der Zukunft wird aus der Konvergenz von Netzrechnern und Fernsehgeräten resultieren, wenngleich der breitbandige Rückkanal erst noch geschaffen und das preiswerte TVi-Gerät erst noch käuflich und breit akzeptiert sein muß; optimistische Prognosen zur Verbreitung solcher Webzugänge sind bislang fehlgeschlagen;

    (5) Webzugänge sollen künftig auch mit entsprechend ausgerüstetem und vernetztem "Küchengerät", mit "aufgerüsteter Kleidung" und anderen vergleichbaren Einrichtungen möglich sein, wobei allerdings vielfach die Sensorik, das Fernablesen und die Ferndienste stärker dominieren werden als eCommerce-Aktivitäten im o.gen. Sinne. Entgeltliche Dienste und automatisierte Bestellvorgänge werden aber auch hier Umsätze generieren.

    Das Mix der Internetzugänge in der künftigen Lebenswelt wird gelegentlich auch als "ubiquitous computing" bezeichnet. Da die einzelnen Plattformen zu unterschiedlichen Zielen und Gelegenheiten zugänglich sind, werden sie auch im eCommerce unterschiedliche Rollen spielen. Auch wird es auf das Zusammenspiel bzw. auf Synergieeffekte ankommen, wie das Beispiel "Geld abheben" und "Bezahlen" per Handy am Kioskterminal deutlich macht.

  7. Erfolgsfaktoren im eCommerce
  8. Neue Medien, neue Technik, neue Dienste eröffnen neue Geschäftsfelder mit neuen Chancen und Risiken, die Grundgesetze des ökonomischen Geschehens werden damit allerdings nicht außer Kraft gesetzt. Zu den Erfolgsfaktoren im eCommerce zählen somit wie überall die Kunden-, Kosten- und Konkurrenzorientierung. Die Kundenorientierung impliziert, daß eine Innovation relative Vorteile mit sich bringen muß, Vorteile im Vergleich zu klassischen Problemlösungen, und auf jeden Fall einen positiven Nettonutzen, bei dem die Kosten auf Kundenseite zum Abzug gebracht worden sind. In der Diskussion um die Zukunft des eCommerce werden derartige Grundgesetze vielfach gar nicht beobachtet.

    Zu den häufig und zu Recht genannten Erfolgsfaktoren zählen – näher betrachtet – vor allem folgende:

    (1) das Web- und User-offline Leistungsprogramm, z.B. der Mix an Informations-, Telekommunikations- und Community-Services im B-to-C-Sektor, die Anbindung an das jeweilige Warenwirtschaftssystem im B-to-B-Bereich,

    (2) maßgeschneiderte Produkte und Services, wobei das Customizing vom Anbieter, aber auch vom User selbst vorgenommen werden kann,

    (3) das Bündeln von Anbietern und Nachfragern, um Sortimentsbreite und Konditionenvorteile zu erreichen,

    (4) Kundenbindung über das vielzitierte Vertrauen, auch über die Aktualität der Angebote und Services, über Bonussysteme und ggf. auch ein gezieltes Community-Management, und

    (5) Kundenakquise über die Website-, eShop- oder Marktplatz-Promotion mit allen klassischen und elektronischen Möglichkeiten einer abgestimmten Marktkommunikation.

    (6) Schließlich kommt es auch darauf an, auf dem Wege zur Kundenkenntnis auch die neuen Möglichkeiten einer web-basierten Markt- und Maßnahmenforschung zu betreiben.

  9. eCommerce in der wirtschaftswissenschaftlichen Grundlagenforschung

 

Der elektronische Vertrieb und der elektronische Handel sind mit den Abhandlungen zum Internet zunehmend thematisiert worden. Wirtschaftswissenschaftliche Beiträge befassen sich derzeit noch primär mit der Beschreibung von Trends, Techniken, Potentialen und Erfolgsfaktoren, doch wird in Zukunft der Anteil genuiner Forschungsarbeiten zunehmen. Dies gilt nicht nur für die Wirtschaftswissenschaften, die hier im Vordergrund stehen sollen, sondern auch für die sog. Nachbardisziplinen wie z.B. die Psychologie, Soziologie, Publizistik und Kommunikationsforschung.

 

 

    6. 1 Wirtschaftswissenschaftliche Forschungsrichtungen

 

Die betriebswirtschaftliche Absatzforschung interessiert sich für ein breites Spektrum des eCommerce:

  • Online-Marktforschung
  • Customizing der Leistungen
  • Elektronische Publikationen
  • Sonderformen der Preispolitik wie z.B. Auktionen
  • Online-Werbung
  • ebranding
  • Fulfillment
  • Kundenbindung
  • Marktplätze

 

Besonderheiten des mobile Commerce rücken immer stärker in den Vordergrund, v.a.D. die Chancen und Risiken einer mikrogeographischen Marktsegmentierung und eines lückenlosen User-Tracking.

Ähnlich liegen die Fragestellungen der betriebswirtschaftlichen Beschaffungsforschung. Dort interessieren u.a. die beschaffungsgetriebenen Marktplätze, die Nachfragebündelung (power shopping) und die netzbasierte Kooperation mit Zulieferern (F & E sowie ECR).

Desweiteren ist die absatzorientierte User- und Buyer-Forschung als Forschungsgebiet zu nennen, das zum einen gewerbliche Käufer betrifft und eher der Beschaffungsforschung zuzurechnen ist, zum anderen und vornehmlich die privaten Surfer und Käufer (business-to-Consumer). Diese Forschung befaßt sich traditionellerweise mit folgenden Fragen:

  • Käuferinteressen
  • Kenntnisse, Werthaltungen, Einstellungen
  • Medien- bzw. Webkompetenz
  • Shopping-Gewohnheiten und Kaufentscheidungsprozesse
  • Netz- und Kaufzufriedenheit

 

Die Handelsbetriebslehre steht für die Betrachtung sämtlicher Funktionen eines Händlers, nicht nur der Beschaffung des Absatzes von Gütern, sondern auch die Logistik, die Finanzierung, die Personalpolitik, das Management und hier auch das sog. Controlling. Auf diesem Wege gelingt es am ehesten, auch im eCommerce die Erfolgsfaktoren umfassend zu identifizieren, auch die Frage zu beantworten, welche Geschäftsmodelle in welchen Bereichen den gewünschten Erfolg versprechen und realisieren.

Nicht minder breit ist das Forschungsgebiet eCommerce in der Volkswirtschaftslehre. Es muß hier genügen, wenn nur einige Themen angesprochen werden:

  • die Globalisierung von F & E, Beschaffung, Produktion und Absatz, auch in kleineren und mittleren Unternehmen (KMU)
  • die Verstärkung der Markttransparenz (u.a. per Suchmaschinen) und der Trend hin zur "vollkommenen Konkurrenz"
  • die Veränderung von Marktstrukturen wie z.B. die Clusterbildung im eCommerce und die Verlagerung klassischer Vertriebsaktivitäten hin zum Online-Vertrieb
  • die Veränderung von Marktergebnissen wie Arbeitsplätze, Versorgungslagen und Ressourcenverbrauch/schutz

Vieles spricht dafür, daß eine globale Vernetzung nicht nur Globalisierungstendenzen, sondern auch Kooperationen auf lokaler und regionaler Ebene stärkt. Schließlich wird das Internet als Instrument der regionalen Wirtschaftsförderung nicht nur erkannt, sondern auch ganz gezielt eingesetzt.

Volks- und betriebswirtschaftliche Fragen greift eine Forschungsrichtung auf, die im Dienste des Verbraucherschutzes steht. Hier sind Arbeiten denkbar, die sich im eCommerce mit dem Handlungsbedarf in folgenden Feldern befaßt:

  • Verbraucherinformation (z.B. Testberichte online)
  • Verbraucherberatung (z.B. in Rechtsfragen)
  • Verbraucherbeistand (in Konfliktfällen)
  • Verbrauchervertretung (z.B. bei der Regelung des Wettbewerbs und des Wettbewerbsrechts)

Diskussionen in Europa und Richtlinien der EU z.B. zum Fernabsatz lassen erkennen, daß der Bedarf von grenzüberschreitenden Regelungen auch im eCommerce zunehmend erkannt und gedeckt wird, auch wenn wir von einem globalen Vertrags-, Wettbewerbs- und Verbraucherschutzrecht noch weit entfernt sind.

6. 2 Ein einzelwirtschaftlicher, austauschbezogener Bezugsrahmen für die eCommerce-Forschung

Ein Forschungsansatz, der sich u.E. für die Analyse des eCommerce anbietet, rückt die Frage nach dem konkreten Verhalten und Erfolg von Anbietern, Nachfragern und sog. Mediatoren in den Mittelpunkt, genauer: das Vorbereiten, das Realisieren und das Kontrollieren des webbasierten Gütertausches. In diesem Paradigma lassen sich u.a. folgende Forschungsthemen wie in einem Spiegelbild darstellen und einordnen:

Anbieterseite Abnehmerseite

Websitegestaltung · -----------------------------· Site-Nutzung

Verlinkung · -------------------------------------· Surfrevier-Nutzung


Shop/Marktplatz/ ý · ---------------------------· í Shopping-Verhalten/

Portalgestaltung   ý                                                 í Kundenlauf

Online-Werbung · -------------------------------· í Werbeakzeptanz und

                                                                              í Werbewirkung

Dialog-Marketing · ------------------------------· Dialog/Interaktion

Sortimentspolitik · -------------------------------· Verbundkäufe

Preispolitik/ ý · -----------------------------------· í Preisreaktionen/

Auktionen   ý                                                            í Bieterverhalten

Fulfillment · --------------------------------------· Käuferzufriedenheit

Kundenbindungs- ý · ----------------------------· í Shop-/Marktplatz-/

Programme ý                                                           í Anbieter-Treue


Gesamtmarketingý · ----------------------------· í Marketingakzeptanz/

(inkl. ebranding) ý                                                   í wirkungen

 

Die Rolle der Mediatoren (Händler, Makler, Kommissionäre) ist dabei zu berücksichtigen, u.a. auch der Umstand, daß deren "Status" oder deren Funktion einem Online-Shopper nicht bekannt werden und nicht bewußt sein muß.

6. 3 Alte und Neue Medien als Forschungsinstrumente: das Merian-Projekt

Die "Medien- und rechnergestützte Interaktions-Forschung" (Merian) am Institut für Marketing und Handel der Universität Göttingen befaßt sich mit dem Surfverhalten und Surferleben im Netz und u.a. im eCommerce und setzt dabei klassische und neue Techniken ein. Die Analyse des Kundenlaufes und des Kauferlebens im eCommerce soll nicht nur die Besonderheiten des Verhaltens und des Vertriebskanals Internet berücksichtigen, so das Blick- und Click-Verhalten, sondern auch die Technik der Blickaufzeichnung und der Logfileauswertung nutzen. Erste Ergebnisse zeigen, daß der "Blick" und die "Maus" nur selten parallel oder synchron laufen, daß Divergenzen u.a. aus dem Seitenwechsel resultieren, daß hierbei auch das Involvement eine Rolle spielt (Surfer vs. Seeker), ebenso die Web- oder Surfkompetenz und damit einhergehend das Website-Imagery, die Herausbildung innerer Vorstellungen über den Aufbau einer Website. Eine Besonderheit des User-Tracking ist auch darin zu sehen, daß die Auswertung der Blick- und Click-Daten besondere Probleme aufwirft, u.a. dann, wenn beide Datenströme als Grundlage einer Konvergenz- und Divergenz-Analyse dienen sollen. Auch hier bietet sich ein breites Feld für Kooperationsprojekte in der eCommerce-Forschung.


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