Vortrag von Mareike Spengler (GEMI): "Unabhängigkeit von temporaler visueller Integration und Segregation – Verhaltensdaten und elektrophysiologische Korrelate"

Wann 25.06.2021
von 13:15 bis 14:45
Wo Online
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Um ein einheitliche visuelle Repräsentation unserer Umwelt zu konstruieren muss ständig  ein kontinuierlicher Strom von sensorischem Input sinnvoll gruppiert und separiert werden. Dies betrifft nicht nur die räumliche Repräsentation von Objekten und deren Eigenschaften, sondern auch die zeitliche Dimension: Für eine stabile und kohärente Wahrnehmung müssen Informationen über die Zeit zusammengefasst werden, gleichzeitig muss das visuelle System jedoch sensitiv genug sein um Veränderungen wahrzunehmen oder die zeitliche Reihenfolge von Ereignissen zu bestimmen. In den meisten Studien werden die zeitliche Integration und Segregation dabei im Rahmen von Modellen eines „zeitlichen Integrationsfensters“ als zwei gegenläufige Prozesse oder als die zwei möglichen, antagonistischen Ergebnisse eines Prozesses konzeptualisiert – der tatsächliche Zusammenhang von Integration und Segregation wurde bisher jedoch kaum untersucht. Zu diesem Zweck wurden Probanden in einer adaptierten Form des klassischen Missing Element Task gebeten innerhalb eines Durchganges sowohl eine Segregationsleistung als auch eine Integrationsleistung zu erbringen.  Diese Doppelaufgabe konnte stabil gelöst werden, die Performanz lag weit über der Ratewahrscheinlichkeit. Außerdem zeigte sich eine Unabhängigkeit der Integrations-  und Segregationsleistung auf der Verhaltensebene. Elektrophysiologische Ergebnisse zeigen, dass es in der frühen visuellen Verarbeitung im Zeitfenster der P1 eine Abhängigkeit der beiden Prozesse zu geben scheint, im weiteren Verlauf waren der Einfluss von Segregations- und Integrationsleistung auf die ereigniskorrelierten Potentiale jedoch unabhängig voneinander. Insbesondere für die Integration konnte eine von der Segregationsleistung unabhängige neuronale Aktivität im Zeitbereich der N1 und N2 identifiziert werden.  Dass es gelingt, gleichzeitig oder zumindest parallel visuelle Information zu integrieren und segregieren, ist mit einer vollständig antagonistischen Konzeption von Integration und Segregation nicht vereinbar.  Die Unabhängigkeit der beiden Prozesse auf Verhaltens- und neuronaler Ebene zeigt weiter auf, dass die Annahme eines simplen Antagonismus die komplexe zeitliche Organisation des visuellen Systems nicht ausreichend beschreibt.

Dieser Vortrag findet online statt: https://conf.psych.bio.uni-goettingen.de/b/uma-mf9-zr3
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