Stefan Schulz-Hardt (2002)

Entscheidungsprozesse in Gruppen: Warum der Wissensvorteil von Gruppen oft ungenutzt bleibt und wie Meinungsvielfalt diese Nutzung fördern kann

In: Sozialpsychologie wirtschaftlicher Prozesse, ed. by Witte, Erich H.; Boos, Margarete. Pabst, Lengerich, chap. Entscheidungsprozesse in Gruppen: Warum der Wissensvorteil von Gruppen oft ungenutzt bleibt und wie Meinungsvielfalt diese Nutzung fördern kann, pp. 226-254. (ISBN: 3-936142-44-0).

In einer Darstellung der Erkenntnisse zur Bedeutung des Wissensvorteils bei Entscheidungsprozessen in Gruppen wird einleitend auf das Phänomen verwiesen, dass Gruppen gerade in solchen Situationen, in denen ihr Wissensvorsprung zu besseren Entscheidungen führen kann (hidden profiles), die Nutzung dieses Wissens nicht gelingt und die theoretisch mögliche bessere Entscheidungsqualität somit nicht realisiert wird. Drei zentrale Ursachen für dieses Scheitern werden erläutert: defizitäre Gruppendiskussion, vorschneller Konsens und individuelle präferenzkonsistente Informationsverarbeitung. Es wird dann herausgearbeitet, warum Meinungsvielfalt im Entscheidungsprozess diesen Mechanismen entgegenwirken und somit die Entscheidungsqualität erhöhen sollte. Zwei Experimente werden geschildert, in denen Meinungsvielfalt entweder über reale Meinungsdivergenz (unterschiedliche Entscheidungspräferenzen der Gruppenmitglieder vor der Gruppendiskussion) oder über künstlich hervorgerufene Divergenz (dialektische Entscheidungsprozedur) operationalisiert wurde. Im Vergleich der beiden Experimente zeigt sich, dass ein realer Sachkonflikt sowohl den Wissensaustausch als auch die Entscheidungsqualität auf Gruppenebene verbessert, während ein künstlich hervorgerufener Konflikt nur ersteres, nicht aber letzteres fördert. Mögliche Ursachen für diese unterschiedliche Wirksamkeit werden diskutiert, und es werden Implikationen für die Etablierung von Meinungsvielfalt als Maßnahme zur Verbesserung von Entscheidungsprozessen in Gruppen abgeleitet.

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